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Es gibt Gewissheiten über das deutsche Bildungssystem, die fast alle teilen. Eine lautet: Schülerinnen und Schüler aus Einwandererfamilien werden in der Schule diskriminiert. Man hört diese Aussage in bildungspolitischen Diskussionen, liest sie in Debattenbüchern oder Zeitungsartikeln. Ausgelacht worden sei er von Mitschülern und Lehrern, als er sagte, er wolle aufs Gymnasium, erzählt etwa Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Und die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, schreibt in ihrem Abrechnungsbuch (Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!) über die Fehler der deutschen Integrationspolitik: "Wenn ich es geschafft habe, dann trotz des deutschen Bildungssystems, nicht wegen." Die Lehrer hatten sie nach der Grundschule nur für die Hauptschule empfohlen – trotz guter Zeugnisse.
Tatsächlich scheinen die Zahlen solche Erfahrungen zu bestätigen. So sind Schüler mit Migrationshintergrund an Haupt- und Förderschulen über- und an Gymnasien unterrepräsentiert. Sie haben in der Regel die schlechteren Zensuren und schaffen es entsprechend seltener an die Universität. "Bis heute belegen Studien systematische Benachteiligungen von Schüler*innen mit Migrationshintergrund", schreibt Ferda Ataman. "Wir wissen das und tun nichts dagegen." Erziehungswissenschaftler wie der Bochumer Didaktikprofessor Karim Fereidooni sprechen sogar von einem "Rassismus, der strukturell tief im deutschen Schulsystem verankert" sei.
Das harte Urteil hat sogar offiziellen Charakter. Im vergangenen Jahr veröffentlichte das Büro der Beauftragten der Bundesregierung für Antirassismus unter dem Titel Bildungslücke Rassismus eine Broschüre, in der von "rassistischen Stereotypen" unter Lehrkräften die Rede ist.
Ist damit alles klar? Nicht ganz. Denn wer sich etwas stärker in die Forschungsliteratur zu dem Thema vertieft, stolpert plötzlich über Sätze wie diesen: "Weiterhin hatten Kinder mit zwei im Ausland geborenen Elternteilen unter Konstanthaltung der anderen Merkmale eine bessere Chance, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten, als Kinder ohne Zuwanderungshintergrund."
So steht es in einer Studie, auf die gerade eine Pressemeldung des Instituts für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund hingewiesen hat. Ein Team der Universität hatte – auf der Basis der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung Iglu 2021 – die Empfehlungen analysiert, die Viertklässler für die weiterführende Schule von ihren Lehrkräften erhalten.
Noch interessanter wird der wissenschaftliche Befund, wenn man die Leiterin des Instituts, Nele McElvany, anruft. "Das ist doch grundsätzlich keine Neuigkeit, das weiß man schon seit vielen Jahren", sagt McElvany. Ach so? Kinder aus Einwandererfamilien werden also nicht benachteiligt, sondern sie haben bei gleichen Voraussetzungen sogar Vorteile in der Schule!
Was stimmt denn nun: Werden Kinder türkischer, arabischer oder ukrainischer Eltern in der Schule diskriminiert oder nicht? Eine Aufklärung in fünf Schritten.
I. Wo es Migranten besser haben
Die Dortmunder Bildungsforscher wollten bei ihrer Untersuchung wissen, welche Einflüsse darüber entscheiden, ob ein Grundschüler eine Empfehlung für das Gymnasium bekommt. Sie fanden dafür viele Erklärungen: die Leistung und die Arbeitsmotivation der Schülerinnen und Schüler, ihre sozioökonomische Herkunft, die Bildungsambitionen ihrer Eltern.
Keinen Einfluss, zumindest keinen negativen, hatte ein Merkmal, das sonst immer schnell benutzt wird, um Bildungsungerechtigkeit zu erklären: der Migrationshintergrund. Eingewanderte Kinder hatten sogar einen kleinen Vorteil, und zwar dann, wenn beide Elternteile aus dem Ausland stammten. Dann bekommen sie bei gleichen Noten eher eine Empfehlung fürs Gymnasium als Schüler ohne Migrationshintergrund. Das Narrativ, dass Migration in der Schule eine besondere Rolle spielt, stimmt hier also: nur genau andersherum als oft behauptet.
Der Effekt ist klein, aber er existiert
Überrascht waren die Forscher nicht besonders, deshalb nimmt das Thema auch keinen großen Raum in ihrem Aufsatz ein. Denn der Befund ist unter empirischen Bildungswissenschaftlern tatsächlich nicht neu. So gingen Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen einer ähnlichen Frage nach, nur mit einem anderen Fokus. Statt um Übergangsempfehlungen ging es dieses Mal um Schulnoten. Auch hier gibt es immer wieder Vorwürfe, dass Migrantenkinder bei gleichen Leistungen schlechtere Zensuren bekämen.
Konkret verglichen die Essener Forscher die Zeugnisnoten von Viert- und Neuntklässlern in Deutsch und Mathematik mit den Leistungsergebnissen, die diese Schüler in anonymen Tests erzielten. Das Ergebnis: Kinder mit Migrationshintergrund bekommen von ihren Lehrern bessere (subjektive) Bewertungen, als es ihre (objektiven) Leistungen in den Tests erwarten lassen. Auch hier zeigt sich: Ethnische Minderheiten werden in der Schule nicht schlechter-, sondern bessergestellt. Der Effekt ist klein (er verbessert die Note um circa 5 Prozent), aber er existiert.
II. Auf die Leistung kommt es an
Der Sozialwissenschaftler Jörg Dollmann hat im vergangenen Jahr alle Studien zu dem Thema – sie reichen zurück bis ins Jahr 2010 – in einem Überblicksartikel in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie zusammengefasst. Seine wichtigste Erkenntnis: Sämtliche Ergebnisse sprechen "gegen eine systematische Bedeutung ethnischer Diskriminierung für Bildungsungleichheiten im deutschen Bildungssystem". Durchaus interessant ist, dass Dollmann für das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) in Berlin arbeitet, das in seinen sonstigen Publikationen die deutsche Gesellschaft stets als in hohem Maße rassistisch kennzeichnet.
Kommende Woche wird diese Erkenntnis mit weiterer Forschung unterfüttert. Dann präsentieren Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe die Ergebnisse einer neuen Studie. Analysiert wurden Bildungsbiografien von der Kita bis zur Universität – und es zeigt sich auch hier, dass Kinder mit Migrationshintergrund nicht nur häufiger für das Gymnasium empfohlen werden, sondern danach auch öfter studieren als solche ohne Einwanderungsgeschichte – bei gleichen Kompetenzen und ähnlichem sozialem Hintergrund.
Dieser Nachsatz ist unerlässlich zum Verständnis der Frage, wie fair sich Lehrkräfte gegenüber migrantischen Kindern und Jugendlichen verhalten. Denn die Forscher vergleichen stets nur Vergleichbares. Das heißt, sie schauen, welche Übergangsempfehlung zwei Schüler – der eine mit, der andere ohne Migrationshintergrund – bekommen, wobei beide dieselbe Leistung erbringen.
Genau an dieser Stelle entstehen oft viele Missverständnisse. Denn es stimmt auch, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte meist die schlechteren Noten bekommen und eine geringere Chance haben, das Gymnasium zu besuchen.
Das aber liegt nicht daran, dass sie selbst oder ihre Eltern im Ausland geboren wurden, "sondern weil ihre Leistungen im Schnitt deutlich schlechter sind", sagt Kai Maaz, Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation.
Beim letzten Leistungsvergleich lagen Neuntklässler aus Zuwandererfamilien im Lesen rund zwei Lernjahre gegenüber deutschstämmigen Schülern zurück. Die Gründe dafür sind bekannt: Armut und geringe Anregungen im Elternhaus, schlechte Deutschkenntnisse, zu wenig Förderung in der Schule, sodass die Kinder ihre Lerndefizite von einer Klasse in die nächste mitschleppen.
Die Lehrerurteile jedoch sind im Großen und Ganzen "valide", wie es wissenschaftlich heißt: Ob jemand in Deutsch oder Mathematik eine gute oder schlechte Note bekommt, hängt zuallererst davon ab, ob er in Deutsch oder Mathematik auch gute Klassenarbeiten schreibt und im Unterricht gut mitmacht, also gute Leistungen erbringt.
III. Klassismus statt Rassismus
Eine Unwucht existiert jedoch – über die sich nicht hinwegsehen lässt. Es geht um die soziale Herkunft von Schülerinnen und Schülern, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Kinder und Jugendliche, deren Eltern wenig Geld verdienen und – vor allem – selbst nur einen niedrigen Schulabschluss erreichten, bekommen seltener eine Übergangsempfehlung fürs Gymnasium als Kinder, die aus Familien mit einem höheren sozioökonomischen Status und einem besseren Bildungshintergrund stammen. Und zwar selbst dann, wenn sie die gleichen Leistungen erbringen. Das stellt die aktuelle Dortmunder Studie ebenfalls fest, ähnlich wie in vielen anderen Erhebungen. Weil diese Ungerechtigkeit alle Schüler betrifft, müsste man von Klassismus statt Rassismus sprechen.
Der Schulforscher Kai Maaz bleibt vorsichtig mit solch wertenden Etiketten. Schließlich stecke "keine böse Absicht" dahinter, wenn Lehrkräfte einem Schüler mit mittelguten Noten je nach sozialer Herkunft mal das Gymnasium und mal die Realschule empfehlen, was durchaus vorkomme. In diesen Fälle würden die Pädagogen vielmehr "antizipieren", ob der Jugendliche, wenn es auf dem Gymnasium anspruchsvoll wird, von zu Hause Unterstützung bekommt. So gesehen ist das Motiv eher Fürsorge. Zu Ungerechtigkeiten führt das dennoch – und zwar für alle Schüler aus bildungsfernen Familien.
IV. Vorurteile werden zu Vorteilen
Warum aber beurteilen Lehrkräfte Schüler mit Einwanderungsgeschichte dann tendenziell besser als solche ohne dieses Merkmal? Die wissenschaftliche Erklärung klingt paradox: Es liegt an den Vorurteilen der Lehrkräfte.
Das zeigen Forschungen der Berliner Bildungswissenschaftlerin Ursula Kessels. In einer experimentellen Studie sollten Lehramtsstudierende Deutschaufsätze bewerten, sie lasen dieselben Texte, wobei der Verfasser mal einen türkischen, mal einen deutschen Namen trug. Tatsächlich meldeten die angehenden Lehrkräfte den Schülern mit türkischen Namen eine etwas bessere Note zurück, und ihr Feedbacktext fiel positiver aus ("Du bringst einige gute Argumente").
Das negative Stereotyp führt zu einer positiveren Beurteilung
In der internationalen Forschung – US-Studien brachten ähnliche Ergebnisse – existieren zwei Erklärungen für die positive Verzerrung, sagt Kessels. Die zukünftigen Lehrkräfte wollen "als Menschen dastehen, die vorurteilsfrei handeln". Aus Angst, Migranten zu benachteiligen oder als rassistisch zu gelten, würden sie ihr Feedback bewusst oder unbewusst positiver gestalten, sie also bevorteilen.
Eine zweite Ursache liegt laut Kessels im anderen Erwartungshorizont. Gerade weil Lehrkräfte von einem Schüler mit Migrationshintergrund einen schlechteren Aufsatz erwarten, bewerten sie ihn besser. Nach dem Motto: "Angesichts seiner Voraussetzungen hat es dieser Schüler doch ganz gut gemacht". Das negative Stereotyp führt zu einer positiveren Beurteilung. So als würde man einem übergewichtigen Jungen, der passabel Fußball spielt, sagen, dass er richtig gut sei, obwohl offensichtlich ist, dass er an die Besten seiner Mannschaft nicht rankommt.
Sollte man ein solches Verhalten kritisieren? Schon! Vorurteile gehören schließlich nicht in die Schule. Andererseits: Viele Schüler aus geflüchteten Familien haben es tatsächlich schwerer als Gleichaltrige ohne Migrationserfahrung. Ist da nicht eine leichte Vorzugsbehandlung eine wirkungsvolle Unterstützung?
Doch Kessels Forschungen sind in der öffentlichen Debatte wenig bekannt, so wie auch viele andere empirische Studien, die keine migrationsbedingten Nachteile und keinen Rassismus bei den Bildungsergebnissen diagnostizieren. Stattdessen wird immer wieder eine Untersuchung zitiert: die sogenannte Max-und-Murat-Studie der Universität Mannheim aus dem Jahr 2018. Auch hier sollten Lehramtsstudierende Diktate von Schülern bewerten, mal solche mit deutschen, dann welche mit türkischen Namen. In diesem Fall zeigten sich zunächst leichte Nachteile für die migrantischen Schüler. Eine spätere Studie mit Matheaufgaben jedoch brachte erneut das bekannte Ergebnis: bessere Noten für die Jungen mit türkischem Namen.
V. Echte Lösungen für echte Probleme
Dieser Streit ist ein typisches Beispiel dafür, wie schwer es bildungspolitische Botschaften haben, in der Öffentlichkeit durchzudringen. Weil sie zu komplex sind, weil ihr Inhalt nicht genehm ist. Die Professorin McElvany erzählt, dass einmal ein Interview, in dem sie die Forschungslage zur Übergangsempfehlung darstellte – weniger Gymnasialempfehlungen, aber keine Benachteiligung von Schülern mit Migrationshintergrund bei gleichem sozioökonomischem Status –, nicht gedruckt wurde. Ihre Aussagen hätten wohl nicht den Erwartungen des Mediums entsprochen, vermutet die Forscherin.
Dabei ist die Botschaft positiv, auch weil sie sich nur schwer politisch instrumentalisieren lässt. Von links heißt es häufig, Schüler mit Migrationshintergrund seien schlecht in der Schule, weil sie diskriminiert würden. Von rechts, sie seien so leistungsschwach, weil Migranten grundsätzlich ungebildet seien. Beides ist falsch. Der Hauptgrund ihrer Leistungsprobleme ist ihre soziale Herkunft.
Bleiben zwei letzte Fragen. Erstens: Gibt es in der Schule überhaupt Diskriminierung wegen ethnischer Herkunft? Ganz sicher. Eine solche Benachteiligung kommt schließlich in allen Bereichen unserer Gesellschaft vor. Wobei auch stimmt, dass sich Dreiviertel der Jugendlichen mit Zuwanderungshintergrund in ihrer Schule wohlfühlen, das zeigt etwa die Pisa-Studie.
Zweite Frage: Ist Diskriminierung das Hauptproblem, das verhindert, dass Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien in der Schule erfolgreicher sind? Nein, ziemlich sicher nicht. In diesem Zusammenhang werde das Thema "hochgekocht", sagt der Schulforscher Kai Maaz.
Wer die Bildungschancen migrantischer Schüler verbessern will, sollte deren wirkliche Probleme angehen. In erster Linie muss das Bildungssystem den Kindern die Möglichkeit geben, mehr zu lernen – am besten schon vor der Schule. Hier braucht Deutschland Nachhilfe. Kinder und Jugendliche im Klassenraum fair zu behandeln, gelingt deutschen Lehrkräften dagegen schon recht gut.