"„Statistisch ist es für Frauen nachteilig, in einer heterosexuellen Beziehung zu sein“
Felix Banaszak ist seit 2025 Grünen-Vorsitzender. Der 36-Jährige stammt aus Duisburg und sitzt seit 2021 als Abgeordneter im Bundestag. Banaszak empfängt WELT in seinem frisch gestrichenen Büro im Farbton RAL 3012. Er nennt die Farbe „Flamingo“.
WELT: Herr Banaszak, Sie sprechen zurzeit häufiger über „Männerpolitik“. Was haben alle Männer gemeinsam?
Felix Banaszak: Männer sind erst einmal knapp die Hälfte der Bevölkerung. Sie profitieren von den herrschenden Geschlechterverhältnissen und gleichzeitig leiden sie an vielen Stellen unter den erdrückenden Geschlechternormen. Ich will Männer aber nicht als Problemgruppe adressieren. Sondern als Individuen, als Menschen mit Bedürfnissen, Gefühlen, Erfahrungen und Herausforderungen, die in der sich wandelnden Welt nach ihrer Rolle suchen.
WELT: Über Männer reden wir im Zuge der Fälle von Gisèle Pelicot sowie Christian Ulmen und Collien Fernandes aktuell aber vor allem als Täter. Wie verändert das die Debatte?
Banaszak: Männer haben Probleme, und Männer machen Probleme. Ich will, dass Männer sich nicht gezwungen sehen, Teil des Problems zu bleiben, sondern Teil der Lösung werden können. Gisèle Pelicot sagt, die Scham müsse die Seite wechseln. Sie hat damit völlig recht. Aber Scham ist erst mal ein Gefühl der Ohnmacht, Scham befähigt nicht, Scham verschließt. Wenn ich beschämt bin, bin ich unsicher, sprachlos, suche Ausflüchte oder einen Ausweg. Die Frage ist also: Wie erreichen wir, dass aus dieser Ohnmacht heraus Handlung wird, also eine reale Bereitschaft zur Veränderungentsteht?
WELT: Heißt Pelicots Aussage „Die Scham muss die Seite wechseln“, dass alle Männer sich schämen sollen?
Banaszak: Menschen, denen sexualisierte Gewalt angetan wird, suchen ja oft erst einmal den Fehler bei sich, oder sie werden beschuldigt: Vielleicht hast du ihn ja provoziert, du musst dich ja nicht so anziehen, und so weiter. Das muss sich ändern. Pelicot fordert zurecht ein, dass die Scham der Opfer die der Täter werden soll. Was ich mich als Mann fragen sollte: Bin ich Teil einer Kultur, die solche Fälle überhaupt erst ermöglicht, mach‘ ich mich damit vielleicht ungewollt zu einem Komplizen? Lache ich mit, wenn jemand sexistische Witze reißt? Bestimmte Extreme können nur in einer Kultur wachsen, in der die vermeintlich harmlosen Vorstufen dieser Extreme anerkannt sind. Müssen wir uns dafür schämen? Wir sollten zumindest unsere eigene Rolle im System hinterfragen.
WELT: Im Fall Pelicot waren mindestens 80 Männer aus einem Umkreis von 50 Kilometern am Missbrauch beteiligt; im Fall Ulmen/Fernandes schossen die Suchanfragen zu Nacktfotos von Fernandes nach der „Spiegel“-Veröffentlichung in die Höhe. Was bedeutet das für das Miteinander von Männern und Frauen?
Banaszak: Es ist Frauen wahrlich nicht zu verübeln, wenn sie gerade mit Misstrauen und Sorge auf ihre Partner, Freunde und in die Familie schauen. Ich kann von Frauen nicht erwarten, dass sie die Männer verständnisvoll an die Hand nehmen. Es gibt kein Anrecht auf einen Wohlfühlfeminismus, der niemanden fordert. Aber vielleicht können Männer, die sich als Verbündete verstehen, eine Brücke bauen?
Es ist wenig erreicht, wenn die Männer, die man adressieren möchte, dichtmachen, weil sie sich von Trigger-Wörtern wie „toxische Männlichkeit“ sofort abgestoßen fühlen. Es lohnt sich, sich mit den Lebenswelten junger Männer zu befassen, mit den Rollenerwartungen, mit denen sie konfrontiert sind. Und ja, da haben sie auch Empathie und Wohlwollen verdient. Mit dieser Ambivalenz müssen wir umgehen: Es gibt das Recht der Frauen auf Wut, und gleichzeitig ist Demokratie immer Dialog.
WELT: Manche Frauen stehen heterosexuellen Beziehungen mittlerweile skeptisch gegenüber, weil sie bezweifeln, einen Partner zu finden, der Gleichberechtigung so lebt, wie sie sich das vorstellen. Steht das Modell heterosexueller Beziehungen auf dem Prüfstand – oder ist es sogar überholt?
Banaszak: Statistisch ist es für Frauen nachteilig, in einer heterosexuellen Beziehung zu sein: Sie schlafen schlechter, verdienen weniger, sind im Alter schlechter abgesichert, leben kürzer und sind weniger zufrieden. Weil Frauen heute ökonomisch und rechtlich unabhängiger sind, sind sie weniger als früher dazu gezwungen, in Verhältnissen zu bleiben, die sie unglücklich machen. Das ist das, was der rechte Antifeminismus als Wurzel allen Übels identifiziert hat: Der Feminismus habe dafür gesorgt, dass Frauen im Zweifel sagen können: „Sorry, Junge, aber wenn du so bist – dann ohne mich.“
Ich will nicht besserwisserisch sagen, was Männer besser machen „müssen“. Ich stelle nur fest: Traditionelle Geschlechterrollen und -erwartungen belasten zunächst vor allem Frauen. Aber wenn wir ehrlich sind, leiden auch viele Männer darunter. Der Druck auf sie wird immer größer: Sie wachsen mit dem Bild des Alleinverdiener-Vaters auf, der hart arbeitet und allein daraus eine Vormachtstellung in der Familie ableitet – leben aber selbst in ökonomischen Verhältnissen, in denen sie diese Rolle gar nicht mehr ausfüllen können. Für viele junge Männer ist Arbeit nur noch Druck, nicht mehr Erfüllung. Damit finden sie keinen Umgang.
WELT: Das bedeutet also für die Beziehung von Männern und Frauen?
Banaszak: Männer werden vermutlich nicht drumherumkommen, sich mit ihrem Selbstbild und ihrer Rolle zu befassen, wenn sie auf der Suche nach einem erfüllenden Leben sind. Nicht nur, weil sie das vielleicht sogar für selbstbestimmte Frauen attraktiver macht, sondern weil sie damit neue Freiheit gewinnen. Nur weil Männern in patriarchalen Strukturen bestimmte Anteile ihres Selbst abtrainiert werden – das Bedürfnis nach Fürsorge, Nähe, Geborgenheit, Verletzlichkeit –, heißt das nicht, dass diese Bedürfnisse einfach verschwinden.
WELT: „Abtrainiert“?
Banaszak: Ein Thema in der Jungenarbeit ist zum Beispiel: Mit zwölf, 13 Jahren, verlieren Jungs häufig enge Freundschaften mit anderen Jungs. Nähe, vor allem körperliche, gilt plötzlich als „schwul“ und wird abgewertet. Also entfernen sich die Jungs voneinander, obwohl viele eigentlich weiterhin ein Bedürfnis nach Nähe haben. Gegen solche Mechanismen müssen wir anarbeiten – und Räume schaffen, in denen Jungen und Männer miteinander über solche Themen sprechen können.
WELT: Nachdem sich die Frauen befreit haben, müssen sich nun also die Männer befreien – auch um mit den Frauen auf Augenhöhe zu gelangen?
Banaszak: Ja, die Befreiung der Männer aus dem Patriarchat ist vielleicht der nächste Schritt.
WELT: Rechtsaußen bietet jungen Männern an, an traditionellen Rollenbildern festzuhalten. Das vielleicht attraktivere Angebot?
Banaszak: Es braucht die Verheißung eines guten Lebens. Deswegen will ich weg von der Defizitbeschreibung, was Männer alles nicht mehr sein sollen. Der Freiheitsgewinn mit dem Zulassen von Emotionen ist immens. Traditionelle Männlichkeit ist nur auf den ersten Blick verheißungsvoll. Auf den zweiten Blick richtet sich die Gewalt, die damit einhergeht, auch gegen uns selbst. Auch Männer sind Opfer männlicher Gewalt. Deswegen müssen wir uns fragen, wie wir Ideen davon entwickeln können, dass es auch anders geht, dass es auch fürsorgliche Männlichkeit gibt.
WELT: Zum Beispiel?
Banaszak: In meinem Kalender sind Familienzeiten mit meiner Tochter nicht nur nicht verhandelbar. Wenn ich deswegen Termine absage, benenne ich diesen Grund auch – und tu nicht so, als müsste ich passen, weil ein Abendessen mit Barack Obama dazwischengekommen ist. Das ist die Aufgabe meiner Generation: neue Bilder zeichnen.
WELT: Wollen Sie eine Männerbewegung begründen?
Banaszak: Da wäre ich vorsichtig. Wir müssen das Rad auch gar nicht neu erfinden. Es gibt schon viele Organisationen für Männer- und Jungenarbeit. Die Räume dafür werden aber gerade leider wieder kleiner, auch weil Fördermittel gestrichen werden. Viele wichtige Projekte sind von den geplanten Streichungen im Programm „Demokratie leben“ bedroht.
WELT: Könnte bei den Grünen eine „Bundesmännerkonferenz“ neben der schon existierenden Bundesfrauenkonferenz Raum für solche Diskussionen schaffen?
Banaszak: Lustigerweise gab es schon 1994 in Nordrhein-Westfalen einen grünen Männerkongress. Aber die Frage ist berechtigt: Ist in den vergangenen Jahrzehnten feministischer Arbeit eigentlich die Rolle von Männern im Feminismus ausreichend durchdacht und positiv gestaltet worden? Aus meinen Erfahrungen bei der Grünen Jugend kann ich positiv berichten, dass es auf unseren Kongressen immer gleichzeitig Frauen- und Gender-Treffen gab – und sich in letzteren eben auch Männer mit Geschlechterthemen befassten. Unser Jugendverband ist da vielleicht an einigen Stellen weiter als unsere Partei.
WELT: Am Samstagabend hat Sie der grüne Bundesfrauenrat zwei Stunden lang gegrillt. Unter anderem wurde Ihr Auftritt im „Playboy“ kritisiert und gefragt, ob Ihre Befassung mit Geschlechterthemen ernst gemeint oder nur Polittaktik sei; andere lobten Sie und regten spezielle Räume für Männer in Ihrer Partei an, bei denen ein Umdenken gerade aufkeime. Was hat Sie besonders nachdenklich gemacht?
Banaszak: Die Frage ist berechtigt, sie zeigt das Spannungsfeld auf, in dem sich Männer befinden, die nach einem Weg aus der Problemzone suchen. In diesem Spannungsfeld bewege ich mich gerade. Mein Anspruch ist, dass aus der Befassung mit dem Thema etwas folgen muss – für unser Programm, unsere Strukturen, für unsere Kultur. Wie genau das aussehen kann, will ich jetzt erarbeiten. Das Interview im „Playboy“ hat manche Türen erst geöffnet. Aber es hat auch Irritation hervorgerufen, das war mir klar. So eine Reibung erzeugt Energie, Wärme. Die habe ich gespürt, und das ist auch richtig so.