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Berlin/Mainz – Eine Erfolgsgeschichte, die selten ist in Deutschland: vom kleinen Startup an die Europaspitze. Özlem Türeci (59) und Ugur Sahin (60) haben das geschafft. Was 2008 mit ihrem Biotechnologie-Startup „Biontech“ begann, ist heute eine Milliardenfirma und Nummer eins der Branche in Europa. Die beiden brachten in der Corona-Pandemie den ersten mRNA-Impfstoff heraus. In der Krebstherapie sind erste Biontech-Medikamente kurz vor der Marktreife. Heute dann die Ankündigung: Die beiden Gründer wollen aussteigen – eine neue Firma gründen.
Die Biontech-Aktie brach nach der Nachricht um knapp 20 Prozent ein. Zuletzt machte die Firma Milliardenverluste. Aber beide erklären im BILD-Gespräch auch, warum sich das ändern wird und was sie nun vorhaben.
BILD sprach mit beiden über …
… die Gründe für den Ausstieg
Özlem Türeci: „Wir haben ein gut bestelltes Haus, haben den Weg geschafft vom Startup zum Industrieunternehmen. Wir werden jetzt das gesamte Jahr bis Dezember daran arbeiten, dieses Haus auch wirklich fein zu machen, sodass die Firma bereit ist, sich zu industrialisieren, sich auf die kommerziellen Phasen vorzubereiten. Unsere Superpower haben wir ganz woanders: nämlich in der Innovation und bei unkonventionellem Unternehmertum. Und dahin wollen wir zurück. Ganz konkret heißt das: Wir gründen unsere nächste Firma. Das wäre dann die Nummer 3.“
Ugur Sahin: „Wir haben jetzt bei Biontech viele Phase-III-Studien (letzte Phase in der klinischen Prüfung vor der Zulassung eines neuen Medikaments; Anm. d. Red.) und 2026 eine ganze Reihe von Lead-outs (Produktreife). Unser Ziel, das wir uns 2025 gesetzt haben, nämlich 2030 ein globales Pharmaunternehmen mit multiplen Produkten zu sein, ist auf dem Weg.“ Sahin verweist auf den im Vorjahr abgeschlossenen Milliardendeal von Biontech mit dem US-Pharmakonzern Bristol Myers Squibb (BMS): „Die Partnerschaft mit BMS hilft uns, PS auf die Straße zu bringen, und die Kommerzialisierung zu stützen.“
… die neue Firma und Künstliche Intelligenz
Özlem Türeci: „Wir können noch gar nicht so viel über die erzählen. Das ist wie das Ultraschallbild des Babys, das man herumzeigt. Man kann schon voller Vorfreude sein, aber man kann auch nicht so ganz genau sagen, was es wird und ob es eher nach dem Papa oder der Mama kommt. Bis es aber soweit ist, fokussieren wir uns auf das älteste Geschwisterchen, das jetzt durchs Abi muss. Biontech wird dann von einem Management übernommen, das sich um klassische Industrialisierung kümmern kann.
Ugur Sahin: „In der heutigen Zeit, wo mit Künstlicher Intelligenz Fortschritte in immer höherer Geschwindigkeit, in höherem Takt möglich sind, da möchten wir wieder zurück, an die Arbeit an den Technologien. Wir wollen präklinisch starten mit der neuen Firma.“ Gemeint: Grundlagenforschung vor den Tests an Menschen. Şahin: „Wir wollen die Möglichkeiten unserer Zeit nutzen. Wir haben eine ganze Reihe sehr spannender Ideen, die auch mithelfen sollen, die personalisierte Medizin voranzuführen. Das ist unsere Grundvision, das treibt uns: Menschen helfen zu können, wenn nichts anderes mehr hilft.“
… Träume, die sie sich erfüllen konnten
Skurril wird es bei der Frage, wie viel an Biontech den beiden Gründern noch gehört: Sie wissen es nicht genau. Es geht hin und her: Sind es 15 Prozent oder 14 oder 17? Sie müssen nachsehen: „Es sind 16,4 Prozent.“ Die Marktkapitalisierung liegt bei 25,5 Milliarden. Das ist ordentlich. Doch die beiden Unternehmer gelten als nicht sonderlich materiell interessiert.
Özlem Türeci: „Es gibt einen Traum, den wir uns erfüllen können: Nämlich unsere dritte Firma zu gründen – dieses Mal mit uns selbst als Gründungsinvestoren.“ Als Gründer keine Wagniskapitalgeber mehr suchen zu müssen: der Luxus der beiden Gründer mit der Firma mit Sitz „An der Goldgrube 12“ in Mainz.