Was den 20. Juli angehört, so bin ich – seit Jahrzehnten schon – etwas gespalten, was ich von der öffentlichen Erinnerungskultur halten soll. "Zwei Seelen wohnen, ach!, in meiner Brust" (F I, 1112 f.) – hier stimmt das!
In diesem Zusammenhang muß man an etwas erinnern, was sich vielleicht die jungen Leute kaum vorstellen können: bevor Helmut Kohl Bundeskanzler wurde (1982/83), gab es den 20. Juli in der alten Bundesrepublik eigentlich nicht! Für das Datum und den Umsturzversuch interessierten sich im wesentlichen nur Fachhistoriker, in der "öffentlichen Erinnerung" an das Dritte Reich, die es auch damals schon umfangreich gab, spielte der 20. Juli keine Rolle, sehr viele Bürger werden damals nicht (mehr) gewußt haben, wofür das Datum eigentlich stand.
Es gab ja in der alten Bundesrepublik den 17. Juni, den "Tag der deutschen Einheit", als offiziellen Feiertag (wie heute eben der 3. Oktober). Und auch insofern wiederholte sich jedes Jahr das Ritual, daß Passanten vom Fernsehen auf der Straße gefragt wurden, was der Tag bedeute und warum denn frei sei, und die wußten es dann nicht! Nur, wer wie ich den "Schneider Schülerkalender" hatte (der Münchner Schneider Verlag war ziemlich rechts), erfuhr dies jedes Jahr in ernstem Ton aufs Neue und wurde ermahnt, sich nicht nur einfach über den schulfreien Tag zu freuen, dazu sei dessen Hintergrund zu ernst! Aber wenn die meisten Leute schon nicht wußten, was genau am 17. Juni passiert sein sollte – vom 20. Juli wußten sie damals erst recht nichts!
Erst Helmut Kohl hat das dann geändert und das positive Gedenken an den 20. Juli auf breiter Front in die öffentliche Erinnerungskultur geholt. Dabei übrigens eifrig unterstützt von einer politischen Gegnerin, Marion Dönhoff. Diese war wegen ihrer Herkunft aus dem preußischen Uradel mit etlichen der Verschwörer persönlich bekannt gewesen, außerdem eine Cousine von Heinrich Lehndorff, der in der Vorbereitung des 20. Juli eine wichtige Rolle gespielt hatte und dann hingerichtet wurde. Marion Dönhoff hatte übrigens in den 1950er und 60er Jahren, als es noch nicht durchweg "populär" war, beim 20. Juli gewesen zu sein, weil diese Leute damals vielen noch als Landesverräter galten, historisch völlig korrekt immer darauf hingewiesen, daß sie persönlich vom 20. Juli keine Ahnung gehabt hatte – es gab nämlich die interne Regel bei den Verschwörern, daß Frauen rein gar nichts gesagt werden durfte, auch nicht den Ehefrauen. (Diese schnatterten zuviel, v.a. untereinander!). Als die Verschwörer dann in den 1980er Jahren in der Erinnerungskultur zu unangefochtenen Helden wurden, verstand sie es hingegen in der Öffentlichkeit so zu drehen, als habe sie bei der Staatsstreichplanung eine maßgebliche Rolle gespielt...
Warum also die Ambivalenz, die ich empfinde? Nun, einerseits finde ich es natürlich sehr gut, daß Helmut Kohl den 20. Juli aus der Versenkung geholt und dem Vergessen entrissen hat – weil es ihm eben wichtig war, nicht nur allgemein im Zusammenhang mit der deutschen Geschichte, sondern auch mit dem Dritten Reich auch an positive Aspekte der deutschen Geschichte zu erinnern. Wie Marion Dönhoff ja immer schrieb: 21 Generäle, 36 Obersten (da hatte sie die Oberstleutnants wohl mitgezählt), ein Reichsminister... - der 20. Juli mag nicht repräsentativ "für die Wehrmacht" gewesen sein, aber der Widerstand war dennoch eine breite Bewegung im Militär! Es war ein Versäumnis von Helmut Schmidt, daß er offenbar nie selbst auf diesen Gedanken gekommen war...
Andererseits – und auch das gehört zur historischen Wahrheit – war die "Inkorporation" der Männer des 20. Juli in die Erinnerungskultur der westdeutschen, postsouveränen Bundesrepublik eben auch mit erheblichen Verfälschungen verbunden. Im 20.-Juli-Gedenken Kohlscher Provenienz wurde Claus Stauffenberg zu einer Art "Moses der Bundesrepublik" – also der, der das gelobte Land selbst nie betreten durfte, aber allen anderen dort hingeführt hat! Und nichts wäre falscher als das. Denn die Männer des 20. Juli haben das Attentat nicht begangen, um einen Staat nach Art der späteren westdeutschen Bundesrepublik herbeizuführen – sondern, um ihn zu verhindern. Wesentliches Handlungsmotiv (auch wenn bei einigen der Verschwörer, wie z.B. Henning Tresckow, ein persönliches Entsetzen dazukam, nachdem sie im Osten zufällig Zeuge von Mordaktionen gegen Juden geworden waren) war die Aussicht, daß das Reich den Krieg verlieren mußte und danach zwischen den Siegermächten aufgeteilt werden würde, Souveränität und vielleicht gar Völkerrechtssubjektivität verlieren werde, daß es keinen einheitlichen Nationalstaat des deutschen Volkes mehr geben würde. Und genau das wollten sie um jeden Preis verhindern – und keineswegs einen katholischen Weststaat unter Schirmherrschaft der USA und mit einem prima BVerfG!
Ihr Plan war, durch die Beseitigung der verbrecherischen Führung und deren Ersetzung durch rechtstreue Idealisten jedenfalls gegenüber den Westmächten irgendwie den Kriegsgrund entfallen zu lassen, allzumal mit diesen (wenn es schon mit den Sowjets wohl nicht gehen würde) eine Art "Separatfrieden" zu schließen und so das deutsche Reich als immerhin der Form nach auch völkerrechtlich "souveräne" Einheit politisch zu erhalten.
Und deshalb muß man weiter sagen – weil eben auch das zur historischen Wahrheit gehört – daß die Männer des 20. Juli zwar idealistisch, aber eben auch politisch naiv und völlig unrealistisch gewesen sind. Denn ganz egal, wie der Putsch ausgegangen wäre: auch die Westmächte hätten nie, nie den Krieg gegen Deutschland eingestellt, bevor eben "unconditional surrender" und vollständige Besetzung erreicht worden wären. Sie führten keinen Krieg gegen Adolf Hitler, die NSdAP oder die SS – sondern gegen Deutschland, das als eigenständiger politischer Faktor in Mitteleuropa ausgeschaltet werden sollte. Deswegen hat ja Churchill den 20. Juli vor dem Unterhaus als reinen Diadochenkampf zwischen den Würdenträgern des Dritten Reiches qualifiziert. (Später hat er das relativiert, als das Ziel erreicht war, dann aber die Deutschen doch wieder gegen die Sowjetunion benötigt wurden).
Konrad Adenauer konnte froh sein – und war es vermutlich auch – daß kaum jemand des 20. Juli überlebt hatte. Denn wenn es in der jungen Bundesrepublik eine "Fraktion des 20. Juli" gegeben hätte, dann hätte Adenauer quasi eine "preußische al-Quaida" am Hals gehabt, die sich mit dem Verlust der Ostgebiete und der Teilung Deutschlands in zwei Staaten, die nun unter der Ägide fremder Führungsmächte gegeneinander zum Krieg rüsten mußten, niemals abgefunden. Das Erfolgs- und Wohlstandsrezept der Bundesrepublik, nämlich die Westbindung, hätte in ihnen vermutlich erbitterte Gegner gefunden.
P.S.: Bevor mir nun alle sagen, es habe keinen (ost-) preußischen "Uradel" geben können – nun, die Dönhoffs waren lange schon adlig, bevor sie nach Ostpreußen kamen...